Warum Frauen wieder dünn und schwach sein sollen
Körpertrends, Kontrolle und die Angst vor weiblicher Autonomie
Körpertrends entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie sind Spiegel ihrer Zeit – und Ausdruck dessen, was gesellschaftlich gewünscht, toleriert oder gefürchtet wird.
Der aktuelle Rückgriff auf extreme Schlankheitsideale, „Debulking“, Crash-Diäten und die Abwertung von Kraft fällt nicht zufällig mit einer politischen Entwicklung zusammen, in der weibliche Selbstbestimmung zunehmend infrage gestellt wird.
Was wir gerade erleben, ist keine Mode.
Es ist ein Rückschritt.
Wenn der weibliche Körper politisch wird
In den USA wird weibliche Körperautonomie offen politisiert:
Zugang zu reproduktiver Selbstbestimmung wird eingeschränkt, Entscheidungen über den eigenen Körper externalisiert, Kontrolle wird moralisch legitimiert.
Doch diese Entwicklung endet nicht an nationalen Grenzen.
Auch in Europa nehmen konservative Narrative zu, die Frauen wieder stärker auf „traditionelle Rollen“ reduzieren wollen: fürsorglich, angepasst, schützenswert – aber nicht autonom.
Der Körper ist dabei eines der wirksamsten Instrumente.
Schwache Körper sind kontrollierbare Körper
Historisch betrachtet ist das Muster eindeutig:
Immer dann, wenn Frauen mehr wirtschaftliche, soziale oder politische Macht erlangen, entsteht ein Gegennarrativ, das sie körperlich begrenzt.
- Korsetts im 19. Jahrhundert
- Unterernährung als Schönheitsideal im frühen 20. Jahrhundert
- Heroin Chic in den 90ern
- und heute: Skinny-Trends, Debulking, Angst vor Muskelmasse
Ein schwacher Körper bindet Energie.
Ein erschöpfter Körper stellt weniger Fragen.
Ein hungriger Körper ist leichter zu lenken.
Das ist keine moralische Unterstellung – es ist Machtlogik.
Der Mythos vom „Beschützer“
Parallel dazu kehrt eine Erzählung zurück, die gefährlich harmlos klingt:
Die Frau müsse geschützt werden.
Doch wovor eigentlich?
Oft nicht vor realer Gefahr – sondern vor ihrer eigenen Unabhängigkeit.
Der vermeintliche Beschützer ist dabei häufig Teil des Problems. Oder anders gesagt: Der Bock als Gärtner.
Frauen sollen sich wieder klein machen, während man ihnen erklärt, dass dies zu ihrem Besten sei. Schlank statt stark. Anpassungsfähig statt widerständig. Gefällig statt kraftvoll.
Warum Stärke Angst macht
Krafttraining, Muskelaufbau und körperliche Präsenz sind nicht nur gesundheitliche Themen – sie sind kulturelle Marker.
Ein starker Frauenkörper steht für:
- Selbstwirksamkeit
- Raum einnehmen
- Leistungsfähigkeit
- Unabhängigkeit
Und genau das ist unbequem für Systeme, die von Ungleichgewicht profitieren.
Daten aus Bildung, Wirtschaft und Wissenschaft zeigen immer wieder:
Dort, wo Frauen nicht strukturell behindert werden, übertreffen sie Männer.
Nicht biologisch bedingt. Sondern, weil sie es dürfen.
Skinny als Rückschritt, nicht als Freiheit
Der aktuelle Trend verkauft sich als „ästhetische Vorliebe“ oder „individuelle Entscheidung“. Doch Trends sind nie rein individuell. Sie entstehen durch Wiederholung, Belohnung und Sichtbarkeit.
Wenn extreme Schlankheit wieder als Ideal gefeiert wird, während starke Frauenkörper unsichtbar bleiben oder problematisiert werden, ist das kein Zufall.
Es ist ein kulturelles Signal:
Mach dich kleiner. Dann bist du akzeptabler.
Feminismus heißt auch: den Körper zurückfordern
Ein feministischer Blick auf Körpertrends bedeutet nicht, Frauen vorzuschreiben, wie sie auszusehen haben.
Er bedeutet, die Strukturen zu hinterfragen, die bestimmte Körperformen systematisch bevorzugen – und andere entwerten.
Ein starker Körper ist kein Angriff. Er ist eine Option. Und genau diese Option ist es, die immer wieder eingeschränkt werden soll.
Wort zum Schluss
Frauen sollen nicht zufällig wieder dünn und schwach werden. Sie sollen handhabbarer werden.
Doch ein Körper, der genährt, trainiert und respektiert wird, ist kein Problem – er ist eine Voraussetzung für Autonomie.
🟠 Stärke ist keine Provokation.
🟠 Sie ist ein Menschenrecht.
